die Utopie von einer perfekten Zukunft

Da gestern mal wieder nix weiter los war in Old Magdetown entschlossen wir uns kurzerhand zu dritt ins Theater zu gehen. Dort gab es die Generalprobe des Stückes „Alles auf Anfang – Generation ’89″ zu sehen. Es begann – und sollte sich ganz unverhofft auch so fortsetzen – mit einem gefilmten Interview verschiedener Leute zum Thema DDR/BRD/Wende. Unfassbar war, wie ein politischer Prozess, erzählt von Einzelpersonen, überhaupt nix mehr mit Politik zu tun hat. Erzählt wurden lediglich persönliche Geschichten, was man so in der DDR/BRD erlebt und wie man die Wende wahrgenommen hätte. Zu dem Film gesellten sich nach etwa einer halben Stunde auch 6 Personen, die es schafften, keinerlei Spannung in die ganze Angelegenheit zu bringen und das Geschwafel auf der Leinwand im gleichen Stil fortzusetzen. Nachdem jede/r so halbwegs mit seiner/ihrer Geschichte fertig war, erzählten sie ihre Biographien ziemlich krude zusammengefasst in einer einzigen.
Nach 1 1/2 Stunden dann die Pause und wir überlegten ernsthaft, das ganze „Schauspiel“ zu verlassen. Die Erkenntnis, dass es sich bei den 6 Personen keineswegs um Schauspieler handelte, sondern einfach nur Menschen (die kam uns tatsächlich erst in der Pause, da sich niemand von uns vorher mit dem „Stück“ beschäftigt hatte – wozu auch, immerhin vor Eintritt for free) aus Hannover und Magdeburg, die glaubten, mal ihre Geschichte erzählen zu müssen, machte das Ganze nicht interessanter. Wir entschlossen uns jedoch zu bleiben – immerhin wurde uns vor der Pause das Aufzeigen von Utopien versprochen, nachdem die 6 ewig über die Vergangenheit schwadronierten.
Was dann folgte, kann man getrost als groben Unfug bezeichnen. Man hatte sich 5 Schlagwörter ausgesucht – Macht, Sicherheit, Arbeit, Heimat und Gesellschaft – und versuchte nun, zu diesen eine Utopie zusammenzuspinnen, die sich in den 50er Jahren des 21. Jahrhunderts verwirklichen sollte.
Zum ersten Begriff – Macht – gab es irgendein Durcheinander zur Johanniskirche in Magdeburg, das ich so gar nicht wiedergeben kann. Irgendwie haben die 6 versucht, den Begriff „Macht“ anhand der Johanniskirche zu erklären, erzählten anschließend irgenwas von Tür als Schleuse und Magnetfeld und hatten wohl selber keinen Plan, was sie eigentlich erklären wollten. Nun gut, aller Anfang ist schwer.
Zum Thema „Sicherheit“ gab’s dann die ersten Brüller: unsere 6 Talente stellten uns ein Haus vor, welches mit einem im Jahre 2053 entdeckten Material versehen wurde. Dieses Material habe – so erklärten sie uns – die Gabe, gute und schlechte Energien in Menschen zu erkennen und ihnen somit Eintritt zu gestatten oder zu verwehren. Sinn des Ganzen war ein Plädoyer für die Einführung des Gastrechtes für eine Nacht. Gastrecht bekommt also, wer grad gutes will oder im Allgemeinen gut drauf ist. Das Besondere an diesem Stoff: er existiert auch in gasförmigen Zustand und kann somit für ganze Stadtteile und Städte genutzt werden. Wer also mal eben mit schlechter Laune in die Stadt will, kommt nicht rein, weil er/sie schlechte Energien verbreitet. Was das letztendlich bedeutet, erklärt sich im Weiteren.
Zum Begriff „Arbeit“: Arbeit im klassischen Stil gibt es im Jahre 2050 nicht mehr. Alles Unangenehme erledigen Maschinen. Es gibt nur noch Tätigkeiten, die Menschen aus Interesse verüben. Durchaus eine politische Utopie, dachten wir uns, nun wird es spannend. Doch Pusteblume, das ganze entpuppte sich als riesige Blödelei inklusive Riesenerdbeeren – die ganze Familien sättigen sollten –, einem Riesengehirn, das sämtliche Wissenbestände der Menschheit speichern und weitergeben sollte und einem Gebäude, welches die Energien von menschlichen Denkprozessen zu noch ungeklärten Zwecken speichern sollte.
Aber wir sind ja noch nicht am Ende. Wer denkt, schlimmer geht’s nicht, sollte sich die Utopie , was „Heimat“ angeht, nicht entgehen lassen: Wie gesagt, wir befinden uns im Jahr 2050 und die Umweltverschmutzung hat so zugenommen, dass der Sauerstoffanteil in Städten nicht mehr ausreicht, um zu atmen, da fast sämtliche Grünflächen zubetoniert wurden (was für eine schöne Utopie…). FAST, weil in jeder Stadt noch genau eine Grünfläche existiert, die jedoch sehr empfindlich ist, was Sonnenlicht angeht. Deswegen wurde über der Grünfläche eine riesen Kuppel errichtet, damit die Pflanzen in Ruhe die Photosynthese durchführen können, um Sauerstoff zu produzieren (wir erinnern uns aus dem Biologie-Unterricht: Sonnenlicht stört die Photosynthese erheblich). Aus dieser Kuppel wird der Sauerstoff dann mittels Riesenschläuche in die einzelnen Stadtteile geleitet. Eines unserer 6 Talente ließ sich auch nicht nehmen, zu erwähnen, dass leider ein Stadtteil noch nicht angeschlossen sei, was aber in den nächsten 3-4 Tagen erledigt werden sollte. Na kein Problem, halten die Menschen eben noch ein paar Tage die Luft an. Spätestens an dieser Stelle wird die Geschichte jedoch kompliziert. Erinnern wir uns an die Person, die aufgrund ihrer Misstimmung grad nicht in die Stadt darf, weil sie von einer Gaswolke davon abgehalten wird. Die Ausgrenzung nimmt nun lebensbedrohliche Dimensionen an.
Den Vogel schoss man mit einer Utopie von der perfekten Gesellschaft ab: 2050, die Welt versinkt im Müll, der uns die Luft abschnürt. Aber kein Problem, da es der Traum eines jeden Menschen ist, eine Insel neu zu besiedeln (der Traum vom Eigenheim hat im Jahr 2050 scheinbar unvorstellbare Auswüchse angenommen), kombiniert man mal eben zu 2 Teilen Abwasser und zu einem Teil Müll und schon entsteht ein fruchtbares Etwas, das nur noch in den Atlantik gekippt werden muss – et voilá – eine neue Insel ist entstanden, welche – strategisch günstig positioniert – auch noch den Golfstrom auf positive Weise beieinflusst und somit auch sämtliche Klimaprobleme löst. Aber zurück zu unserer neuen Insel: dieses fruchtbare Etwas ist natürlich vergänglich, was auch ganz gut ist, da uns sonst irgendwann der Wasserhahn abgedreht wird, und löst sich mit der Zeit in genießbares Wasser und – man mag’s kaum glauben – Fische auf. (Somit wär dann auch gleich das Hungerproblem weltweit gelöst.) Und weil die Insel nunmal immer wieder neu aufgeschüttet werden muss, ist die neue Gesellschaft auch nicht erpressbar. Warum nicht? Habt ihr nicht verstanden, wa? Na dann denkt mal schön nach. Wer das Rätsel löst, bekommt von mir ein Gespräch mit der GIS zum Thema Utopie geschenkt.
Hier bricht das Ganze leider auch abrupt ab. Vielleicht haben die Drogen aufgehört zu wirken. Vielleicht fiel ihnen aber auch nichts mehr ein, wa sdas Bisherige noch toppen könnte. Jedenfalls wisst ihr nun, was passiert, wenn Menschen rumspinnen und sich unter ihnen dummerweise ein Regisseuer befindet.

Fazit: 1 1/2 Stunden Langeweile und 1 Stunde arge Schwankungen zwischen kaum noch haltbarem Gelächter und schierer Unfassbarkeit. Nun gut, immerhin hat’s nix gekostet. Wer sich das Stück angucken möchte, muss jedoch enttäuscht werden: die einzigen beiden Vorstellungen sind bereits ausverkauft – für 12€ pro Person. Nicht gerade wenig, aber Kunst hat halt ihren Preis und vielleicht wird das Geld ja in eine rosige Zukunft gesteckt.

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2 Antworten auf “die Utopie von einer perfekten Zukunft”


  1. 1 IdrawESCAPEplans 23. März 2007 um 9:49 Uhr

    schöne zusammenfassung des gestrigen wahnsinns

    zur frage: ich kenn die lösung aber ich bin auf das persönliche gespräch mit der GIS überhaupt nicht scharf :-D

  2. 2 Antiimp 27. März 2007 um 17:50 Uhr

    Alle GewinnerInnen können sich gerne melden.
    Die Utopien können dann im Reich der Träume ausführlich selbst erforscht werden. Damit klärt sich auch auf was menschen machen wenn sie sich nicht mehr auf die Straße trauen weil sonst Eisenstangen auf ihren Köpfen geknüppelt werden – sie machen einen Blog auf. OK wär jetzt erraten kann wer was uff de Ommel kriegt wenn ich ihn demnächst sehe, kriegt ein gespräch über „Selbstverteidigung durch elektronische Datenübertragung – Opferberatung für geistig überentwickelte Studenten auf der Suche nach Verbündeten im WWW mittels Opferbotschaften“ mit dem AIP friends gesponsert.

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